portfolio: monsieur engel

Monsieur Engel erzählt von seinem Leben...

Seine Frau lauscht gespannt der Lebensgeschichte ihres Mannes.

Neben der Eingangstüre befindet sich ein Stück Heimat: schwäbische Mundweisheiten auf Wandziertellern.

Monsieur Engel in seinem Garten.

Monsieur Engel wurde im Jahre 1924 in der Nähe von Stuttgart geboren. Seine frühe Kindheit war von keinen grösseren Ereignissen geprägt. Mit 10 Jahren war er beim Jungvolk, ab 14 Jahren bei der HJ. Dort erlernte er das Segelfliegen, sollte sich dann bei Kriegsbeginn (mit 18 Jahren) zu den Fliegern melden, so wie seine Fliegerkollegen, die aber als Fallschirmspringer eingesetzt wurden und meist nicht wiederkehrten. Er meldete sich zu den Funkern, obwohl er kein Elektriker war, nur um nach Frankreich zu kommen. Dort wurde er als Wärter eingesetzt und erhielt alle Freiheiten die er sich wünschte, denn keine Kompanie war nun für ihn verantwortlich. Er erschien nie zum Morgenappell und nutzte die freien Vormittage um in der Stadt zu flanieren und das französische Leben kennen zu lernen. Die Tätigkeit eines Wärters sagte ihm aber doch nicht zu und kam wieder zu den Funkern. Seiner Kollegen wurden links und rechts neben ihn nach Russland versetzt. Er meldete sich jeden 2. Tag krank und kam dadurch in die damalige Funkhauptzentrale nach Rouen, die in einer Schwimmhalle untergebracht war. Morgens wurde geschwommen! Später wurde er als "Feuerwerker" eingesetzt. Dieser Bereich war als ausgebildeter Mechaniker sein eigentliches Steckenpferd; er wartete die Geschütze am Ärmelkanal. Seine Stationierung in Etretat wurde durch gelegentliche britische Kleinbombenabwürfe und Splitter in seiner Hüfte beendet. Nach einem Lazarettaufenthalt in Paris kam er zurück nach Stuttgart und wurde ende 1944 heimgeschickt. Etwas später kamen schon die Alliierten und Monsieur Engel erklärte französischen Generälen den sichersten Weg nach Stuttgart, die einer Karawane von LKWs voraus fuhren. Diese waren vollbesetzt mit kolonial-französischen Soldaten, kein einziger Franzose.

Stuttgart war zur Hälfte zerbombt, viele Verwandte und Bekannte von Monsieur Engel fanden ihren Tod. Eines Tages erhielt er einen Brief von einer Französin die er damals in Frankreich kennen lernte, in dem stand, dass sie übermorgen am Bahnhof ankäme. Er holte sie vom Bahnhof ab und heiratete sie kurz darauf. Die Wohnungsnot in seiner Heimatstadt brachte die beiden zum Entschluss nach Frankreich zu ziehen. Eine schwere Entscheidung für Monsieur Engel. Wie wird man ihn, einen Deutschen, in Frankreich so kurz nach dem Krieg aufnehmen? Bekommt man als ehemaliger Feind eine Arbeit? Er verdiente sein Brot zunächst in einem Steinbruch, nicht lange konnte er diesen schweren Verhältnissen standhalten und wurde als Maschinist zur Wartung der Steinschneidemaschinen eingesetzt. Diese höhere Position bekam er durch einen ehemaligen dt. Kriegsgefangenen, der nach seiner Freilassung in Frankreich blieb und ein Steinbruchunternehmen aufbaute. Zwei Jahre später fand er eine ähnliche Tätigkeit in einer Strickfabrik, die er bis zu seiner Pensionierung ausübte.

Seine Frau und er leben nun allein im Norden Frankreichs in einem kleinen Haus mit Garten; ihre Kinder sind schon vor Jahren auszogen. Monsieur Engel hat bis heute nur den dt. Pass.

Was meint er über sein Leben: "Ich wünsche es niemanden, bin aber trotzdem zufrieden."

 

Noch heute steht der kleine Leiterwagen in der Garage, mit dem er vom zerbombten Stuttgart nach Frankreich aufbrach.

 

 

 

portfolio
art
fashion
people
landscape
still
country
6x6
travel
show
press
shop
link
about
contact
login
(c)